Scam bei Envestio? Chronologie und Bewertung der Ereignisse

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Ist der Ausfall von Envestio ein Scam gewesen? Die Anzeichen verdichten sich immer mehr, dass es sich bei den Vorfällen rund um die estnische Crowdfunding Plattform Envestio um einen systematischen Betrug handelt, durch den jetzt mehr als 30 Mio. Euro an Kapital von Privatanlegern gefährdet sind.

Envestio hatte auf seiner Plattform diverse Geschäftskredite mit Zinssätzen von 17 bis 22 Prozent finanzieren lassen, u.a. mit Bezug zu Kryptowährungen oder Immobilien. Diesen Ruf folgten ca. 15.000 Privatanleger in weniger als zwei Jahren.

Eine beispiellose Situation im Baltikum, welche das Potenzial besitzt jetzt auch weitere P2P Plattformen zu Fall zu bringen.

Mit diesem Artikel möchte ich die Chronologie der Ereignisse aufarbeiten und dabei aufzeigen, warum ein Scam bei Envestio sehr wahrscheinlich ist, welche Konsequenzen sich daraus für Privatanleger ableiten lassen und was betroffene Anleger jetzt dagegen noch tun können.

Vorab noch zwei Hinweise.

Erstens: Ich bin kein Investor bei Envestio gewesen. Dass das so war, hatte aber nichts mit besserem Wissen zu tun. Natürlich kannte ich den Anbieter grob, habe diesen aber nie mit einer Due Diligence im Hinblick auf ein eigenes Investment geprüft.

Zweitens: Es gibt regelmäßig neue Entwicklungen zu diesem Fall. Sollte ich es als relevant erachten, werden ich diesen Text erweitern. Fragen für ein mögliches FAQ können gerne in den Kommentaren gestellt werden.


2. Dezember 2019: Investor aus Deutschland kauft Envestio

 In einer von Envestio veröffentlichten Mitteilung wird der deutsche Investor Arkadi Ganzin als neuer Inhaber von Envestio vorgestellt.

“This appointment follows the acquisition of the platform by a strategic investor from Germany, Mr. Arkadi Ganzin.“

Arkadi Ganzin – Ist er der neue Eigentümer von Envestio gewesen?

Warum dieser Envestio gekauft habe, welchen Hintergrund dieser besitzt und warum er ein „strategischer Investor“ sei, wird in der Mitteilung nicht weiter ausgeführt. Dafür aber, dass er seit mehr als 15 Jahren im Bankenumfeld (als Risiko Manager) tätig gewesen sei und aktuell an mehreren Unternehmen aus der Gas und Öl Branche beteiligt ist. In seinem LinkedIn Profil findet sich keine Erwähnung von Envestio und auch das Profilbild sieht eher nach Kategorie Photoshop aus.

Ebenfalls wird Eduard Ritsmann als neuer COO und Development Director vorgestellt, welcher mehr als 20 Jahre im internationalen Vertrieb gearbeitet habe.

“Envestio is happy to announce that starting with December 2, 2019 Mr. Eduard Ritsmann, an experienced sales person, who has more than 20 years long outstanding track record in international sales and project leadership, is joining Envestio team as the new COO and Development Director.”

Der alte COO Evgeniy Kukin hingegen, der seit zwei Jahren an der Entwicklung von Envestio mitgewirkt hat, soll nach der Übernahme als „Allgemeiner Berater“ weiter für das Unternehmen tätig sein.

“In his turn, the current COO Evgeniy Kukin, who spent almost 2 years in the leading role in the company, will continue working for Envestio as the General Advisor also after the acquisition.”

In der Mitteilung spricht Envestio davon, dass man mit der Hilfe von fast 13.000 Investoren ein Kreditvolumen von 30,8 Mio. Euro finanzieren konnte.

“almost 13 thousand European investors by achieving total investment in excess of EUR 30.8 million in less than two years.”


16. Dezember 2019: Neu-COO Eduard Ritsmann stellt sich auf YouTube vor

Zwei Wochen nach der Ankündigung einen neuen COO zu haben, stellt sich jener Eduard Ritsmann  auf dem YouTube-Kanal von Envestio vor – sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Es sind die bis dato einzigen beiden Videos, die auf dem Kanal hochgeladen worden sind.

Was wohl als gut gemeinte und vertrauensbildende Maßnahme gedacht war, ist aus meiner Sicht kontraproduktiv gewesen – da schlecht umgesetzt. Selbst wenn weder Englisch noch Deutsch seine Muttersprachen sind, kann man von einem vorbereiteten und abgelesenen Text schon ein bisschen mehr von einem erfahrenem Manager und internationalen Vertriebsexperten erwarten. Aber schaut es euch gerne selbst an und bildet euch eine eigene Meinung:

“No rules on the game will be changed by the new owner after the acquisition.”


18. Dezember 2019: COO Ritsmann an früherem Investment Scam beteiligt gewesen

Durch die Hinweise des anonymen Twitter-Accounts RoastedPeerDuck (@rpeerduck) kam heraus, dass der neue COO an einem früherem Investment Scam beteiligt gewesen sei. Es handelt sich dabei um ein Pyramidensystem, bei dem Werbung für eine „Perpetuum mobile“ Energiequelle gemacht wurde. Aufgrund der russischen Quelle und dem fehlenden Know-How bezüglich des Themas, kann ich dazu keine weiteren Ausführungen anbieten.

In jedem Fall sorgte diese Neuigkeit für einigen Wirbel und Irritationen, sodass das Vertrauen vieler Anleger als Konsequenz erschüttert wurde. Der Schneeball kam zunehmend ins Rollen.

Auch, da Envestio Mitarbeiterin Liene Melderer wohl ebenfalls in der Vergangenheit in Betrügereien bei Geschäftsreisen verwickelt gewesen sei.


12. Januar 2020: Kuetzal ist pleite – Keine Rückzahlungen mehr von Envestio

An diesem Tag verkündet die estnische Plattform Kuetzal, dass das Unternehmen Insolvenz angemeldet und den Geschäftsbetrieb komplett eingestellt habe. In der Folge reagieren viele Investoren noch sensibler auf die Situation und Unklarheiten bei Envestio und versuchen ihr Geld entsprechend abzuziehen. Dafür wird in erster Linie die Rückkaufgarantie in Anspruch genommen, bei der Investoren eine Gebühr in Höhe von 5% bezahlen müssen.

Es ist nach mehreren Quellen der letzte Tag, an dem Investoren Geld von Envestio ausgezahlt bekommen haben. Tags darauf soll es wieder offene Projekte gegeben haben, die in der Vergangenheit bereits vollständig finanziert gewesen sein.


15. Januar 2020: Personalrochade bei Envestio

Mitteilung von Envestio am 15. Januar 2020

An diesem Tag veröffentlicht Envestio eine Mitteilung, in der man als Konsequenz auf die „Panik im baltischen Crowdfunding Markt“ den ehemaligen COO Evgeniy Kukin auf seine ursprüngliche Position zurückbefördert.

“Envestio reacts to panic on Baltic crowdfunding market, caused by collapse of Estonian platform Kuetzal, by returning its former COO Evgeniy Kukin back on his position [..] the new owner of Envestio, Mr. Arkadi Ganzin has reached the agreement with former COO of Mr. Envestio Evgeniy Kukin to return to this position starting from January 15, 2020.”

Eduard Ritsmann wurde hingegen als neuer Head of Sales eingesetzt. Allerspätestens jetzt sollte jedem klar gewesen sein, dass etwas faul sein muss. Entweder hätte es Rückendeckung für Herrn Ritsmann geben sollen und dieser hätte sich auf YouTube zu den Anschuldigungen erklärt oder er wäre nicht mehr tragbar für das Unternehmen gewesen und hätte freigestellt werden müssen. Auf diese Art ergibt die Reaktion von Envestio eher wenig Sinn.

Envestio hat diese Aktion vorgenommen, um negativen Gerüchten und Spekulationen zu begegnen, die durch Wechsel in der Führungsebene bei Envestio aufgetreten sein. Inwieweit man das dadurch geschafft habe, bleibt mir ein Rätsel.

“in order to minimize the room for negative rumors and speculations, caused by changes in the management board of Envestio”

Stattdessen verweist man ganze vier Mal in dem Text auf die Pleite von Kuetzal, die man als Grund für das fehlende Vertrauen der Anleger sieht. Auch hier zeigt sich, dass das Unternehmen alles andere als professionell agiert, wenn man einen Pleite gegangenen Wettbewerber so instrumentalisieren muss.


21. Januar 2020: Die letzte offizielle Mitteilung von Envestio

Zu diesem Zeitpunkt war das Kind bereits längst in den Brunnen gefallen. Immer mehr Kapital wurde versucht von Envestio abzuziehen, jedoch ohne Erfolg. Am 21. Januar folgte dann die vorerst letzte Mitteilung des Unternehmens via Facebook.

Das letzte Lebenszeichen von Envestio am 21. Januar 2020

Darin bekundet man seltsamerweise, dass Envestio bis zu diesem Zeitpunkt seinen finanziellen Verpflichtungen nachgekommen sei. Wie man heute relativ sicher sagen kann, war das spätestens seit dem 13. Januar nicht mehr der Fall gewesen.

“[..] till present moment Envestio managed to fulfill on time and in good faith all financial obligations to all contractual investors and borrowers, despite the very unfavorable situation in the crowdfunding market, provoked by the uncertainty and potential fail of Kuetzal platform.”

Gleichzeitig übt Envestio den Vorwurf, dass man durch mehrere Hacker-Angriffe betroffen gewesen und dieses auch der Grund für Ausfälle der Webseite sei.

 “Simultaneously with the recent concerns within the industry, we tracked repeatedly various technical attempts targeted to influence dramatically on stability of Envestio platform. They were performed through hacker attacks on our web site and platform’s internal structure and database.“

Außerdem prangert Envestio mediale PR-Kampagnen und die Verbreitung falscher Informationen (Fake-News lässt grüßen!) an, welche die finanzielle Stabilität und Verlässlichkeit der Plattform in Frage stellt.

 “At the same time, we noticed that destructive public relations campaign against Envestio has been initiated and which consisted of spreading knowingly false and unconfirmed information by numerous internet resources questioning financial stability and reliability of our platform[..]”

Envestio sieht dahinter den gezielten Versuch, um damit einen Wettbewerber aus dem Markt zu verdrängen. Eine Argumentation zwischen Verschwörungstheorie und Realitätsverlust.

“We tend to consider these attempts as a consistent and well-planned set of actions aimed to cause significant financial and reputational damage, as a result of which the Envestio platform should inevitably begin to experience substantial difficulties with current payments to its investors.We assume that the ultimate goal of all these actions is to devalue overall Envestio’s business, and the subsequent potential raider takeover of the company or an attempt to eliminate the company from the industry, getting rid of as strong competitor.”

Zu guter Letzt folgt noch ein Aufruf die Störfeuer bei Envestio zu unterlassen, da sonst ein unkontrollierter Liquiditätsengpass mit unvorhersehbaren Konsequenzen entstehen werde.

“Envestio strongly condemns any actions aimed at further destabilizing the current crowdfunding market situation and disrupting the activity of the Envestio platform, as these factors together can lead to an uncontrolled solvency crisis, influencing not only Envestio but also other industry participants.”


23. Januar 2020: Envestio Webseite ist Offline – Hintermänner verschwinden

Die Envestio Webseite kann seit dem 23. Januar nicht mehr aufgerufen werden. Auch der alt-neue COO Evgeniy Kukin ist von der Bildfläche verschwunden. Er löscht seinen Facebook und LinkedIn Account.

Seit dem 23. Januar 2020 ist die Envestio Webseite offline

Aufgrund zahlreicher Anfragen bei der ECN (European Crowdfunding Network ECN) wurde der Fall Envestio den Behörden gemeldet.


Warum Envestio wohl ein geplanter Scam / Exit Scam war  

Handelt es sich bei Envestio nun also um einen Scam? Je genauer man sich die Geschichte ansieht, desto mehr verdichten sich die Zeichen. Juristisch müsste man sicherlich die weiteren Ermittlungen abwarten, bis man diesen Vorwurf offiziell bestätigen kann.

Neben den Beteiligungen von Envestio Mitarbeitern an Betrügereien und Pyramidensystemen, blieben vor allem zwei Dinge interessant.

Gab es wirklich einen Hacker-Angriff? Unwahrscheinlich!

Ein IT’ler hat auf seinem Blog analysiert, ob es sich bei Envestio tatsächlich um einen Hacker-Angriff gehandelt hat oder nicht. Sein Fazit: Die Daten wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit von Envestio selbst gelöscht. Der Webserver auf dem die Webseite gehostet wurde, sei gegen diese Art der vorgeworfenen Hacker-Angriffe ziemlich immun.

Warum Funkstille?

Selbst wenn es sich um einen Hacker-Angriff handelt – was aus IT-Sicht einer Bankrotterklärung für einen Finanzdienstleister gleicht – warum informiert man seine Investoren nicht regelmäßig über den Status der Widerherstellung.

Man kann nicht nicht kommunizieren, sagte Watzlawick. Mehr Schuldeingeständnis geht nicht mehr.

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Welche Konsequenzen lassen sich aus dem Envestio Ausfall ableiten?

1. Keine Haftung durch Rückkaufgarantie

Wie Claus vom P2P Kredite Forum treffend festgestellt hat, ist es eine Ironie des Schicksal, dass ausgerechnet die Rückkaufgarantie den Ausfall von Envestio beschleunigt hat. Wer haftet für eine Rückkaufgarantie, bei der Investoren für eine kleine Gebühr ihr Geld sofort abheben können? Über welche Partner und Cash-Reserven muss man verfügen, um einen Buyout dieser Größenordnung aufzufangen?

Für gewöhnlich gibt es zwei Methoden wie Anleger an ihr Geld kommen können, ohne das es dadurch zu einem Liquiditätsengpass für die Plattform kommt. Entweder der Kredit wird bedient und man kann die Rückflüsse abziehen oder man handelt den Kredit auf dem Zweitmarkt.

Dass es eine Form dieser Rückkaufgarantie blickt, ist aus wirtschaftlicher Sicht früher oder später zum scheitern verurteilt

Reaktionen von Wisefund und Monethera

Auch die Reaktionen von Wisefund und Monethera, ebenfalls estnische Plattformen, haben es in sich. Dieser haben angekündigt die Rückkaufgarantie vorzeitig auszusetzen. Was wirtschaftlich wohl vernünftig ist, damit man nicht ebenfalls sofort an die Wand fährt, ist auf der anderen Seite ein deutlicher Fingerzeig, dass jetzt viele Alarmsignale bei Anlegern angehen sollten. Ob das in der Form auch rechtlich haltbar ist so zu agieren, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt.

2. Weitere Plattformausfälle sind nicht unwahrscheinlich  

Dass der Domino-Effekt nach Kuetzal und Envestio jetzt aufhören wird, darüber gibt es im Crowdfunding Markt starke Zweifel. Mehrere meiner Quellen gehen davon aus, dass es bis zu einer Einführung der EU-Regulierung für Crowdfunding-Plattform wohl zu weiteren Vorfällen dieser Art kommen kann und wird.

Erst wenn es einheitliche Gesetzgebungen und Kontrollen für diese Plattformen gibt, darf von einer weiteren Konsolidierung im Markt ausgegangen werden.

3. P2P Kredite besitzen reale Risiken

Wer hätte es gedacht, P2P Kredite beinhalten reale Risiken. Man kann nicht nur Geld verdienen, sondern durchaus auch verlieren. P2P Kredite sind ein wachsender Markt und die Motten kommen immer dahin, wo es auch Licht gibt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Abzocker und Betrüger versuchen sich auf diesem unregulierten Spielfeld auszutoben und Gelder zu veruntreuen. Schwarze Schafe gehören (leider!) mit dazu.

Daher sollte es in der Verantwortung aller Anleger liegen (nicht nur bei den Finanzbloggern), sich die P2P Plattformen noch genauer anzusehen und auf Herz und Nieren zu prüfen.

Vielleicht kommt der ein oder andere ja sogar auf den Trichter und überlegt sich, ob seine Risiko-Affinität nicht doch etwas niedriger sei und ob man tatsächlich bei jeder neuen und beworbenen Plattform mit dabei sein muss. Meine Meinung zur P2P Plattformdiversifikation sollte ja hinlänglich bekannt sein.

Werde Mitglied in der re:think P2P Community auf Facebook oder melde Dich im P2P-Forum an, wenn Du dich mit anderen Privatanlegern vernetzen und austauschen willst!

Was können Envestio Anleger jetzt tun?

Wer von diesem Ausfall bei Envestio betroffen gewesen ist, der sollte eine Email an die estnische Polizei schreiben [ppa@politsei.ee] und Strafanzeige stellen. Bei größeren Beträgen könnte man durchaus auch erwägen einen Anwalt einzuschalten, um seine Interessen vertreten zu lassen.

Um weiter informiert zu bleiben, werde ich wesentliche Updates in diesem Artikel posten. Austausch und Diskussionen zu diesem Thema finden u.a. auf Telegram in der Gruppe „EnvestioDiscussion“ statt, sowie in der re:think P2P-Kredite Community auf Facebook.


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