Zu Gast bei der Zentralbank Litauens – Interview mit Direktorin Jekaterina Govina

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Während meines letzten Aufenthalts in Vilinius, wo ich unter anderem die Fintech Inn Konferenz besucht habe, hatte ich auch die große Ehre, die Zentralbank Litauens (Bank of Lithuania) zu besuchen. Durch Kontakte aus meinem P2P Netzwerk hatte ich die Möglichkeit, dass ich vor Ort auch ein Interview mit Jekaterina Govina führen konnte, der Direktorin für die Kontrolle und Überwachung litauischer Finanzunternehmen.  

Es war eine beeindruckende Erfahrung, die ihresgleichen sucht! Aus Gründen der Compliance durfte ich leider nur sehr wenige Fotos machen. Ich kann euch aber sagen, dass die Räumlichkeiten – in denen sich teilweise auch die großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte herumgetrieben haben – sehr faszinierend sind. 

Inhaltlich hatte ich mich ebenfalls auf ein gutes Gespräch gefreut, da ich eine hohe Meinung vom P2P Standort Litauen habe. Nicht zuletzt deshalb, weil das Land seit 2015 eine Gesetzgebung für die P2P Kreditvergabe implementiert hat und sich damit deutlich von den anderen baltischen Ländern – besonders in punkto Sicherheit – abgrenzt! Regelmäßige Leser werden wissen, dass ich seit einiger Zeit auch bei NEO Finance investiere (worauf es dabei ankommt!), was aktuell meine drittgrößte P2P Position hinter Bondora und Mintos ist. 

Mit Jekaterina, die seit 2012 für die Zentralbank Litauens arbeitet, habe ich unter anderem über die Besonderheiten des Fintech Standorts Litauen gesprochen, den Umgang und Austausch mit den litauischen P2P Plattformen, die Entwicklungen von Nicht-Banken Finanzdienstleistern, wie man die Balance zwischen Sicherheit und Überregulierung findet, sowie die anstehende EU Regulierung für Crowdfunding Plattformen.

Die wichtigsten Aussagen habe ich auf dem Blog ins Deutsche übersetzt. Das vollständige Interview könnt ihr euch entweder auf YouTube ansehen oder ihr ladet euch den Podcast herunter. Viel Spaß!


Vielen Dank für die Einladung in die Räumlichkeiten der Zentralbank Litauens und auch für die Möglichkeit des Interviews. Du arbeitest seit 2012 für die Zentralbank Litauens. Was ist Dein beruflicher Hintergrund?

Ich bin eigentlich Anwältin. Aber auch mit ein bisschen Erfahrung im Bereich Wirtschaft. Zu Beginn habe ich in einer Überwachungskommission für den Versicherungsbereich gearbeitet, welche ab 2012 mit der Zentralbank Litauens zusammengelegt wurde. Bis dahin war die Zentralbank Litauens nämlich nur für die Überwachung von Kreditinstitutionen zuständig und der Versicherungsbereich wurde getrennt kontrolliert und überwacht.

Im Aufsichtsbereich habe ich dann mit Verbraucherbeschwerden angefangen, sowie die Bereiche Payment, Banking und Investitionsdienstleistungen betreut, bevor ich dann mehr mit Lizensierungsprozessen in Berührung gekommen bin. Die letzten drei Jahre bin ich auch Beraterin für die Vorstandsmitglieder gewesen, sowie interne und externe Leiterin für Innovationsstrategien der Zentralbank Litauens.

Ich kann mir vorstellen, dass Du diese Frage öfter gestellt bekommst. Aber was macht eigentlich eine Zentralbank, beziehungsweise welches spezielle Ziel verfolgt die Zentralbank Litauens?

Es ist tatsächlich eine gute Frage, weil die meisten Zentralbanken in jedem Land eine unterschiedliche Aufgabe besitzen. Ich glaube in Litauen haben wir eine sehr vorteilhafte Situation, weil wir neben den normalen Aufgaben einer Zentralbank auch die Regulierung des litauischen Finanzmarktes vornehmen.

Wir regulieren und überwachen Unternehmen, angefangen von Crowdfunding-Finanzierungen bis hin zu der Versicherungs- und Bankenbranche. Wir überwachen also wirklich alle litauischen Finanzunternehmen und helfen auch als Instanz bei Streitigkeiten zwischen Verbrauchern und Finanzdienstleistern.

Bei Zentralbanken gibt es häufig den Vorwurf und die Kritik der Unabhängigkeit, aufgrund des wirtschaftlich oder politisch ausgeübten Drucks. Wie bewertest Du dieses Thema allgemein und für Litauen in speziellen?

Ich denke, dass es immer mal wieder passiert, dass es eine Konfrontation zwischen Zentralbanken und Regierungen gibt. Regierungen wollen gerne viel Geld in die Wirtschaft pumpen und das kann dann ggf. im Widerspruch zu den Interessen der Zentralbank stehen. In Litauen haben wir diesbezüglich eine gute Trennung zwischen den Funktionen und Mandaten beider Seiten. Wir (Zentralbank Litauens) sind kein Teil der Regierungsstruktur und dieser gegenüber auch nicht verantwortlich.

In den letzten Jahren gab es in den baltischen Ländern immer wieder mal Probleme mit Korruption oder Geldwäsche. Seit der Schließung der lettischen Privatbank ABLV in 2018, ist das Thema wieder sehr present. Was unternimmt die Zentralbank Litauens in Bezug auf Risikovorbeugung und wie versucht man Risiken wie Betrug, Korruption oder Geldwäsche zu verhindern, um Verbraucher zu schützen?

Ich würde sagen, dass wir dabei sowohl proaktiv als auch reaktiv vorgehen.

Zum reaktiven Teil: Durch unser Handeln und unsere Vorgaben, versuchen wir in erster Linie Innovationen zu fördern. Dadurch sehen wir auch eine zunehmend steigende Anzahl von Finanzunternehmen. Was wir machen ist, dass wir zusätzliche Budgets für die Überwachung und AML-Kontrolle zur Verfügung stellen oder Mittel gegen Cyberkriminalität. Damit wollen wir sicherstellen, dass wir mit der Geschwindigkeit des Marktes mitwachsen können.

Zum proaktiven Teil: Wir haben mehr als einhundert Personen, die im Bereich der Überwachung und Kontrolle tätig sind. Wir haben einen risiko-basierten Ansatz entwickelt, um zu verstehen woher die Risiken kommen.

Neue Risiken können sich immer wieder und von Zeit zu Zeit ändern. Vor zwei Jahren haben wir einen Cybersecurity-Test unseres Bankensystems vorgenommen, um zu verstehen, wie widerstandsfähig die IT-Systeme sind. In Europa waren wir die ersten, die so etwas gemacht haben. Es ist nur ein Beispiel. Aber es soll die Maßnahmen verdeutlichen, die wir unternehmen, damit wir nicht als ein Land angesehen werden, wo man alles machen und tun kann wie man will.   

Ich habe mitbekommen, dass Du auch sehr stark im Prozess der litauischen Regulierung für die P2P Kreditvergabe involviert gewesen bist. Worin liegt aus Deiner Sicht die Schwierigkeit zwischen auf der einen Seite eine gesetzgeberischen Rahmen zu etablieren, wodurch mehr Sicherheit für Verbraucher hergestellt werden kann, und auf der anderen Seite dadurch nicht unnötig Wachstums- und Innovationspotenzial zu beschneiden? Und wie findet man diese Balance?

Das ist eine gute Frage. Denn wenn ich meistens nach der größten Herausforderung gefragt werde, dann ist es meistens genau diese Balance zu finden. Besonders die Personen, die bei uns in der Überwachung arbeiten, sind tendenziell eher risikoavers und wollen manche Bereiche womöglich überregulieren, um schlimmeres zu verhindern.

Für mich persönlich muss ich sagen, dass ich ein großer Freund der Verhaltensökonomie bin. Ich versuche immer herausfinden, wovor die Verbraucher eigentlich geschützt werden müssen. Manchmal denken wir, dass eine Überregulierung die Verbraucher schützt. Dadurch kann aber auch genau das Gegenteil eintreten, weil Kunden dann genau deshalb diese Dienstleistung nicht mehr nutzen wollen.

Oft hilft es zu verstehen, wie eigentlich das Profil des Kunden für eine bestimmte Finanzdienstleistung aussieht. Bei P2P Plattformen sehen wir zum Beispiel, dass die Investoren meistens erfahrener sind. Es sind primär nicht die alten Rentner, die aus kleinen Dörfern kommen. Diese Art von Investoren sind in der Regel schon etwas erfahrener und verstehen daher auch die Risiken viel besser.

Was macht das litauische Umfeld für Tech-Innovationen und Fintech Startups so attraktiv?

Ich denke in erster Linie die Offenheit aller Institutionen. Damit meine ich nicht nur die Zentralbank Litauens, sondern auch das Finanzministerium und andere Agenturen. Wir sind sehr offen für den Dialog mit dem Markt und ich glaube, dass das vom Markt auch wertgeschätzt wird.

Dass es die Möglichkeit gibt herzukommen, periodische Meetings abzuhalten, Erwartungen zu besprechen oder Anpassungen im Rechtssystem vorzuschlagen. Dazu kommt, dass wir auch sehr responsiv sind und auch sehr schnell reagieren.

Aber um ganz speziell zu sein, was Unternehmen dazu animiert nach Litauen zu kommen, ist unsere Infrastruktur für die Bezahlungsabwicklung. Wir (Anm.: Zentralbank Litauens) operieren mit einem Bezahlsystem, an welches sich Nicht-Banken anschließen können. Electronic Money Institution und Payment Institution können also an unser Bezahlsystem angeschlossen werden. Euro-Transaktionen können daher durch uns vorgenommen werden.

Die zweite Sache ist unser Lizensierungsprozess, welches wir versucht haben so nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten. Lizenzen können zum Beispiel auf Englisch oder auch außerhalb Litauens beantragt werden.

Litauen hat einen sehr stark wachsenden Markt bei Finanzdienstleistern aus dem Nicht-Banken Segment, wozu unter anderem auch die P2P Plattformen mit dazu gehören. Wie beobachtet die Zentralbank Litauens diese Situation?

Um 2014 und 2015 hatte Litauen viele Probleme mit Konsumkrediten und den sogenannten Kredithaien, weil wir viele Beispiele für die unverantwortliche Kreditvergabe gesehen haben. Als Ergebnis mussten wir einen der größten Kreditgeber aus dem Markt ausschließen, weil dieser, trotz unserer Sanktionen und Maßnahmen, weiterhin Kredite an Personen vergeben hat, die keine Darlehen erhalten sollten.

Wir haben dann ein paar Veränderungen in unserem Gesetz vorgenommen, zum Beispiel die Einführung von DTI (Anm.: Debt-to-Income Ratio. In Litauen liegt das Verhältnis bei 40 Prozent), um Verbraucher besser zu schützen.

Das war auch die Zeit, in der die erste P2P Plattform entstand (Anm.: SAVY). Daher war es für uns auch wichtig diese Maßnahmen einzuführen, um somit sicherzustellen, dass diese Praktiken nicht auch durch weitere Nicht-Banken Kreditgeber ausgeübt werden. Die Regeln für P2P Plattformen sind die gleichen wie auch für andere Nicht-Banken Kreditgeber oder Banken.

Gleichzeitig erkennen wir an, dass durch P2P Plattformen auch Privatanleger die Vorteile eines Investments besitzen. Zusammen mit Crowdfunding, bedeutet P2P für mich auch eine Art Demokratisierung der Finanzen. Alle Vorteile und Gewinne landen nicht mehr nur im Geldbeutel eines oder weniger Unternehmen, sondern es wird über eine breite Masse an Menschen verteilt.

Nach meinem Wissen gibt es ein paar litauische P2P Plattformen, die es freuen würde, wenn es auch institutionellen Investoren erlaubt wäre in private Verbraucherkredite zu investieren. Warum gibt es diese Regelung und plant man diese anzupassen?

Am Anfang ging es uns darum, dass wir diesen Markt für Privatanleger öffnen und einen echten P2P Ansatz verfolgt haben – von Privatpersonen, für Privatpersonen. Mittlerweile verstehen wir, dass wir aber nicht genug Privatanleger haben, um diesen Bereich effektiv weiter wachsen lassen zu können.

Aktuell sind wir als Zentralbank Litauens, zusammen mit dem Finanzministerium, zu der Entscheidung gekommen, dass wir nun auch institutionellen Investoren erlauben wollen auf P2P Plattformen zu investieren. Einen Gesetzesentwurf liegt dafür bereits im Parlament.

Vor dem Interview hast Du mir erzählt, dass Du auch selbst in P2P Kredite investierst. Wie beobachtest Du die steigende Popularität von P2P Plattformen, sowohl global als auch in Litauen?

Da ich im Fintech Bereich arbeite, bin ich immer ein Freund von neuen Lösungen und sobald ich diese sehe, teste ich das meiste davon auch gleich selbst aus. Bezüglich P2P Krediten denke ich, dass es in unserer Gesellschaft immer mehr an Popularität gewinnt. Nicht nur in Litauen, sondern auch allgemein.

Ich würde sagen, dass es immer noch ein wenig an staatlicher Unterstützung mangelt, weil neue Finanzdienstleistungen immer auch erstmal Zeit benötigen um Vertrauen zu gewinnen. Ich denke aber, dass Crowdfunding und P2P Kredite einen Nutzen für die Gesellschaft haben, deswegen hoffe und erwarte ich, dass P2P Kredite noch nachhaltiger an Popularität dazugewinnen werden.

Die in Litauen drei größten P2P Plattformen für Konsumkredite sind NEO Finance, SAVY und FinBee. Wie regelmäßig bist Du mit diesen Unternehmen im Austausch, wenn es zum Beispiel um neue Regulierungen oder Gesetzesanpassungen geht?

Eine gute Frage zur richtigen Zeit, denn erst vor zwei Wochen haben wir ein Meeting im Finanzministerium organisiert, bei dem auch Vertreter der genannten P2P Plattformen anwesend waren. Es ging um die aktuellen Herausforderungen und Themen, die wir auch schon im Interview angesprochen haben.

Bezüglich einzelner Themen haben wir beschlossen, dass wir uns von nun an in regelmäßigen Abständen treffen, um darüber zu sprechen. Daher glaube ich, dass wir einen sehr engen Dialog führen und sehr nah am Marktgeschehen dran sind. Wir sehen uns nicht nur als Watchdog der überwacht und dann nur Vor-Ort Inspektionen macht, sondern wir sind mehr eine Art Partner der möchte, dass sich der Markt in die richtigen Bahnen entwickelt und dadurch auch Verbraucher vor Missbrauch geschützt werden.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zur anstehenden EU Regulierung für Crowdfunding Plattformen. Wie schätzt Du eine Einführung dieser neuen Lizenz ein?

Wenn ich außerhalb der EU unterwegs bin, lobe ich die Europäische Union meistens dafür, dass diese eine sehr harmonische Gesetzgebung für Finanzdienstleistungsunternehmen entwickelt. Denn es ermöglicht den Unternehmen die Lizenz in einem Land zu bekommen und dann über Staatsgrenzen hinweg zu operieren. In den USA muss man hingegen in jedem Staat eine neue Lizenz beantragen.

In der Europäischen Union haben wir, zum Beispiel im Payment-Bereich oder dem Bankensektor, bereits eine sehr harmonische Regulierung. Nicht aber beim Thema Crowdfunding. Das macht es für manche Anbieter unglaublich schwierig, das Geschäft Europaweit auszubauen. Diesbezüglich ist die EU aktuell sehr stark fragmentiert.


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