Interview mit dem Vorsitzenden des litauischen P2P Verbandes

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Vytautas Šenavičius ist der Vorsitzende des Verbandes für Crowdfunding- und P2P Plattformen in Litauen. Ich habe ihn während meines letztjährigen Aufenthalts in Vilnius bei der FinTech Inn Konferenz kennengelernt.

Obwohl erst 35 Jahre alt ist, hat Vytautas bereits einiges an Erfahrungen im Fintech Sektor gesammelt. Unter anderem hat er für das litauische Finanzministerium gearbeitet und er war, während der litauischen Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union, als Co-Vorsitzender beim Gesetzgebungsverfahren der Bankenunion tätig.

Aktuell arbeitet er außerdem als Partner bei einer Anwaltskanzlei.

Im Interview haben wir über seine Rolle und die Aufgabenbereiche beim Verband für Crowdfunding- und P2P Plattformen gesprochen, die regulatorischen Rahmenbedingungen in Litauen, welche Interessen die P2P Plattformen aktuell vertreten oder wie die neue EU-Regulierung für Crowdfunding Plattformen zu bewerten ist.


Du bist Vorsitzender beim litauischen Verband für P2P Kredite und Crowdfunding Plattformen. Was genau macht dieser Verband und welche Bedeutung hat Deine Position dabei?  

Der Verband wurde 2016 gegründet. Die Idee dahinter war sehr pragmatisch. Wir wollen konforme und flexible Gesetzgebungen für litauische Crowdfunding- und P2P Plattformen etablieren. Alles begann damals mit SAVY, der ersten P2P Plattform in Litauen, wo wir nicht wusste nach welchen Regeln dieses Unternehmen operiert.

Wir sind daraufhin mit der Zentralbank Litauens und dem Finanzministerium in den Dialog gegangen, um die Interessen von Investoren und Gesellschaftern zu vertreten. Dadurch sind wir dann eines der ersten Mitgliedsstaaten in Europa geworden, die einen regulierten Markt für Crowdfunding und die P2P Kreditvergabe hatten.

Natürlich sind wir auch weiterhin mit der Zentralbank Litauens und dem Finanzministerium in Gesprächen, um die Gesetzgebung weiter zu verbessern und auch um für die anstehende EU Regulierung vorbereitet zu sein.

Wie ist der Verband organisiert und aufgestellt?

Wir haben fünf Mitglieder im Vorstand, von denen ich wiederum der Vorsitzende bin. Insgesamt gibt besitzt der Verband aktuell zehn Mitglieder (Anm.: Unter anderem EstateGuru, Profitus, SAVY oder FinBee).

Es gibt keine große Struktur bei uns. Wir treffen und für gewöhnlich auf monatlicher Basis und diskutieren, welche Herausforderungen es gibt und wo wir uns bei der Erreichung unserer Ziele befinden und was dafür zu tun ist.  

Wäre es fair zu behaupten, dass der Verband eine Lobby-Vereinigung für Finanzdienstleister ist?

Das würde ich nicht behaupten. Natürlich treffen wir uns mit den Gesetzgebern und diskutieren verschiedene Lösungen. Aber unser Interesse besteht darin ein gutes Umfeld für alternative Finanzdienstleister zu erstellen.

Wir vertreten keine Einzelinteressen, sondern haben eher einen allgemeineren Anspruch. Nämlich, dass Litauen mehr Anbieter aus dem Nicht-Banken Segment hinzugewinnt. Das können wir schaffen, indem wir als Verband auftreten und mit der der Zentralbank Litauens zusammenarbeiten.

Was sind die Themen, die beim Verband aktuell wichtig sind und die mit beiden Seiten besprochen werden?

Momentan besprechen wir unter anderem, ob auch juristische Personen auf P2P Plattformen investieren können, die Verwahrung von Geldmitteln, sowie die Frage, ob wir in Litauen auch P2P Marktplätze haben sollten.

Auf der einen Seite sind die Umsätze von Marktplatzmodellen zwar sehr hoch, aber es gibt auch größerer Risiken dabei. Wir diskutieren daher Kompromisse, dass sich solche Geschäftsmodelle ebenfalls in Litauen etablieren können, jedoch in einer konformeren Art als es bisher stattfindet.

Lass uns gerne bei diesem Thema bleiben. Vor ca. drei Jahren ist Lenndy nämlich genau deswegen die Ausübung eines Marktplatz-Geschäftsmodells untersagt worden. Warum soll das jetzt verändert werden?

Mein Interesse besteht darin die alternative Finanzindustrie in Litauen zu fördern. Ich möchte nicht die Zahlen sehen, wo wir 20, 30 oder 40 Millionen Euro an Kreditvolumen durch Crowdfunding und P2P Plattformen finanzieren. Ich will, dass diese Zahlen zehn bis 20 Mal so hoch sind.

Wir haben aktuell keinen wettbewerbsfähigen Finanzmarkt für Nicht-Banken in Litauen. Es war nicht unbedingt die Entscheidung der Zentralbank Litauens, dass man Lenndy abgelehnt hat. Auch Lenndy hat nach Lettland geschaut und gesehen, dass der Markt dafür aktuell nicht reguliert ist.

Sobald die EU-weite Crowdfunding Regulierung eingeführt führt, könnten die Karten – auch für Marktplatzmodelle – wieder neu gemischt werden.

Was glaubst Du ist aktuell das größte Interesse, dass P2P Plattformen wie NEO Finance, SAVY oder FinBee verfolgen?

Es gibt viele kleine Themen, welche die Plattformen beschäftigen. Das Hauptproblem ist aus meiner Sicht die effiziente Regulierung für die Verwahrung von Geldflüssen. Das bedeutet, dass das Kapital der Investoren von dem Kapital der P2P Plattformen getrennt werden sollte.

Ein paar Unternehmen wie NEO Finance oder FinBee, haben deshalb eine Electronic Money Lizenz beantragt. Das ist eine große und umfangreiche Lizenz die viele Möglichkeiten bietet, aber auf der anderen Seite auch sehr viel Geld kostet (Anm.: Bei NEO Finance entfällt ein Drittel der Ausgaben auf der Verwahrung / Administration der EMIL. Dadurch hat das Unternehmen aber unter anderem auch NEO Pay gründen können).

Ein zweites Problem ist die Kreditvergabe durch P2P Plattformen. Denn juristische Personen dürfen sich hierbei aktuell nicht beteiligen. Was schade ist, denn alternative Finanzdienstleister könnten somit deutlich besser an günstigeres Geld herankommen.

Wie sieht es mit der Zinssatzbeschränkung für private Verbraucherkredite in Litauen aus? In Lettland gab es im Sommer 2019 massive Einschränkungen bei der Vergabe von Payday-Loans, was viele alternative Kreditgeber in die Insolvenz geführt hat. In Litauen liegt der maximale Zinssatz bei aktuell 75 Prozent. Glaubst Du, dass dieser Wert angemessen ist und ob es diesbezüglich irgendwann regulierte Anpassungen nach unten geben wird?

Ich sehe das als kein Problem für P2P Plattformen an. Auch die schnellen Kreditvergabe-Institute können von 40 Prozent und 50 Prozent p.a. überleben. Ich glaube bei P2P Plattformen liegt der durchschnittlichen Zinssatz für Konsumkredite zwischen 12 und 16 Prozent. Durch den ausreichenden Wettbewerb gehe ich auch nicht davon aus, dass dieser Wert so hoch gehen wird.

Was glaubst Du wie sicher die P2P Kreditvergabe in Litauen ist, verglichen mit anderen Ländern?

Eine der sichersten. Wir haben alle wichtigen Gesetze etabliert und wir haben einen regelmäßigen Austausch mit den wichtigsten Institutionen. Wir arbeiten sehr hart dafür, um die Verbraucher zu schützen.

Wir haben einen klaren Verhaltenskodex. Unternehmen die sich nicht an die Regeln halten können abgemahnt, bei Wiederholungen auch geschlossen werden. Ich denke, dass wir allen Aspekten sehr sicher aufgestellt sind.

Abschließend noch zu der anstehenden EU Crowdfunding Regulierung: Wie schätzt Du die Situation ein?

Ich bin sehr froh, dass wir aktuell schon zu 90 Prozent auf diese kommende Regulierung vorbereitet sind. Unsere Gesetze sind bereits sehr nah den Vorgaben der neuen Regulierung. Natürlich müssen wir uns noch ein bisschen anpassen. Teilweise müssen wir einige Gesetze wieder auflockern, bei denen wir schon etwas zu streng gewesen sind.

Sicherlich werden wir aber eines der ersten Länder sein, die sich auf diese Umstellung angepasst haben werden.


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Weitere Informationen zu besprochenen P2P Plattformen

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